Predigten

ZWEITER ADVENTSSONNTAG A. GOTT HAT EINE FAMILIE.

n   LUKE MBEFO, C.S.Sp.


Advent ist Wartezeit. Jesaja im Alten Testament und Johannes der Täufer im Neuen Testament sind die Propheten par Excellence des Advents. Beide sprechen uns heute an. Im Advent bereiten wir uns auf die Menschwerdung Gottes vor. In der ersten Lesung verkündet Jesaja: Gott hat eine Familie. Seine Menschwerdung fällt nicht vom Himmel, sondern sie ist verwurzelt in den Schicksalen von Menschen und in den Beziehungen zu Menschen. Jesus hat eine Abstammung wie jeder andere Mensch auch: Vorfahren, Großeltern, Ururgroßeltern. Eine menschliche Ahnenreihe, wie sie uns in den Evangelien von Matthäus (Mt.1:1-17) und Lukas (Lk. 3:23-38) überliefert ist.   Bekannt ist der Stammbaum Jesu auch als Baum Jesse. Ein Blick in den Stammbaum Jesu zeigt: In dieser Familie gibt es nicht nur tugendhafte Vorbilder. Tugendhafte Gestalten wie Salomo oder David, bei denen sich Licht und Schatten in ihren Charakteren und in ihren Handlungsweisen abwechseln, und Könige, die sich ganz von Gott abgewendet haben. Gott wird hineingeboren in die Lebenswirklichkeiten, die auch unsere Familien ausmachen: Licht und Dunkelheit, Streit und Versöhnung, Trauer und Freude.

Die Rede von der „Wurzel Jesse“ geht auf die große Prophezeiung des Propheten Jesaja im Kapitel 11 zurück, die wir eben in der ersten Lesung gehört haben. Dort kündigt der Prophet Jesaja das messianische Reich an. Diese Worte wurden seit dem Mittelalter zur Grundlage zahlreicher Darstellungen des Stammbaumes Jesu, der aus der Wurzel Isais erwächst, so zum Beispiel ist dies auch in einem Wandgemälde im Limburger Dom abgebildet. Der Lebensbaum stellt die Abstammung Jesu aus dem Haus des Königs Davids dar, ausgehend von Isai, dem Vater Davids, des Königs von Juda und Israel. Im Sprachgebrauch ist dabei aus Isais Jesse geworden, so zum Beispiel   in dem Kirchenlied aus dem 16 Jahrhundert „Es ist ein Ros entsprungen“ (GL 243). Da heißt es in der ersten Strophe: „Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart, wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art und hat ein Blümlein bracht mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht“. Was für eine Melodie! Die Musik transportiert uns in eine Welt, die außerhalb von unserer Welt liegt.

Es war das Schicksal des Johannes als „der einzige der Propheten den Erlöser zu schauen und ihn als das Lamm das die Sünde der Welt hinwegnimmt zu zeigen. Er hat sich vorgestellt als „die Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn“; seine Aufgabe war es: „Er wird mit dem Geist und mit der Kraft des Elija dem Herrn vorangehen, um das Herz der Väter wieder den Kindern zuzuwenden und die Ungehorsamen zur Gerechtigkeit zu führen und so das Volk für den Herrn bereit zu machen“ (LK.1:17). Wie hat er seine Aufgabe erfüllt? Heute steht er vor uns mit der Forderung: „Kehrt um!“ So knapp fasst Johannes die Vorbereitung auf das Kommen des Messias zusammen. Das griechische Wort „metanoeite“ – das man in etwa so übersetzen kann: „verändert euer Denken, eure Denkweise“ – dieser Ausdruck zielt auf eine Veränderung der gedanklichen Blickrichtung hin, betreffend die Sicht der Dinge und der Welt, aber ebenso die Sicht unserer bisher gültigen Lebensauffassung. Der gewohnte Horizont ist zu überschreiten, um sich selbst und die Welt anders und neu zu verstehen und zu deuten. Johannes fordert Umkehr: von den einfachen Leuten und von den geistlich-politischen Führern; eine Umkehr, die Früchte zeigt. Das heißt: spürbare Veränderungen. Vielleicht können wir seinen Appell mit dem Kreuzzug der Umweltprophetin Greta Thunberg vergleichen. Es gilt zu handeln – jetzt, und nicht erst irgendwann.