Predigten

25. SONNTAG IM JAHRESKREIS B: EINSTELLUNG EINES CHRISTEN

n   LUKE MBEFO, C.S.Sp.

Wie soll sich ein Christ benehmen? Was erwartet Jesus eigentlich von seinen Jünger/innen? Am vorigen Sonntag hat er Petrus ausgeschimpft: „Weg mit dir, Satan… denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“ (Mk.3:33). Im heutigen Text tadelt er die ganze Gefolgschaft und belehrt sie: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“ (Mk. 9:35). Nach der zweiten Leidensankündigung stritten seine Jünger unterwegs darüber: wer von ihnen der Größte sei! Größer kann das Missverständnis von Jesu Worten über seine Auslieferung in die Hände der Menschen nicht sein. Während Jesus preisgegeben und erniedrigt wird, träumten die Jünger von ihrer Größe. Sie kreisten darum, wer von ihnen bedeutender und größer ist. Man kann sagen, unter den Apostel gab es auch einen Machtkampf. Jeder wollte sich gegen den anderen behaupten.   Immer wieder berichten die Evangelisten von der Unwissenheit oder vom Unverständnis der Apostel. Oft haben sie die Lehre Jesus gründlich missverstanden wie es Markus im heutigen Text schildert: „Aber sie verstanden den Sinn seiner Worte nicht, scheuten sich jedoch, ihn zu fragen“ (Mk. 9:32). Wenn sie Jesus nicht verstanden haben, wie können sie Jesus Botschafter werden? Haben sie uns das Evangelium Gottes falsch vermittelt? Normalerweise fragt man nach oder forscht nach wenn man nicht versteht. In dieser Situation, in der sich die Jünger um ihre Position zanken, macht Jesus ihnen klar, dass es nicht um Rangordnung in einer Gemeinde geht, sondern um den Dienst am Nächsten. Jesus demonstriert das, in dem er ein Kind in ihre Mitte stellt. Ein Kind war und ist auch heute ein Mensch, der abhängig ist, der Hilfe, Liebe und Zuwendung braucht. Die Jünger sind nicht für sich selber da. Sie sollen einander dienen. Und sie sollen ihren Dienst gerade armen und hilfsbedürftigen Kindern erweisen. Vor diesem Hintergrund, nämlich dem Dienst am nächsten, den alle verantwortlichen Seelsorger versprechen müssen, ist es noch einfacher, unsere Empörung über diejenigen Vertreter der Kirche, die Kindern schwersten Schaden zugefügt haben, zu verstehen. Zu der Szene mit dem Kind möchte ich Ihnen noch ein paar geschichtliche Hintergründe zum besseren Verständnis geben. Markus gebraucht hier nicht das Wort „teknon“, mit dem normalerweise ein Kind bezeichnet wird. Das Kind, das Jesus in die Mitte stellt, wird „paidon“ genannt. „Paidon“ beschreibt ein Kind in seiner Stellung als abhängiges Wesen. Für den Zuhörer damals klang mit der Anrede „Pais“, „Junge“, mit, dass auch Sklaven so angeredet wurden. Ein Kind stand in der Antike ganz unten in der gesellschaftlichen Hierarchie. Es war mittellos und rechtlos. Ein Vater konnte seine Kinder als Sklaven verpfänden oder verkaufen. Kinder zählten erst etwas, sobald man ihre Arbeitskraft brauchen konnte. Kinder hatten einen so geringen sozialen Status, dass Jesus ein Kind als das Musterbeispiel für die Kleinen in der Gesellschaft nahm. Jesus begegnet den Kindern auf Augenhöhe; Ihm liegen gerade die Kleinen, Schwachen am Herzen, und das fordert er auch von seinen Jüngern. Journalisten berichten heutzutage von Machtkämpfen im Vatikan, als ob die Machthaber in der Kirche diesen Text nie gehört haben. Kirchengeschichte aber ist Machtkampf nicht fremd. Ob wir zu Jesus gehören oder nicht, das entscheidet sich daran, wie wir mit den Kleinen umgehen!   Doch in jedem Kind will uns Gott begegnen und das ist kein kitschiger Postkartenspruch, sondern ein Ernstnehmen des Evangeliums. „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf“.

Einmal habe ich Otto von Bismarck als kein gutes Vorbild für Demut und Bescheidenheit bezeichnet. Mit meiner Aussage war eine Frau in der Gemeinde nicht einverstanden und sie hat mich mit den Worten angegriffen: „Bismarck hat uns die Sozialversicherung verschafft“. Und Ich solle nichts Negatives über Ihn sagen. Ich aber habe nicht von der Sozialversicherung gesprochen sondern von der Bescheidenheit als Kennzeichen eines Christen. In der Nachfolge von Jesu zu leben bedeutet, zu einer Bescheidenheit zu finden, die wirklich von Herzen kommt. Jesus Lehre ist deutlich: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig“ (Mt.11:29). Paulus schlägt vor: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:   Er war Gott gleich hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen“. (Phil.2:5). In der Familie Gottes sind wir alle Geschwister: „Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle seid Brüder und Schwestern“ (Mt. 23:8).

Jesus ist das herausragende Beispiel dafür: Er, Gottes Sohn, pocht nicht auf seine Würde, auf seine Stellung, sondern lebt sein Wesen, seine Macht so, dass daraus Leben für andere erwächst, dass Umkehr und Neubeginn möglich werden und bleiben. Diese Lebenshaltung Jesu ist es, die uns Gottes Wesen erschließt. Als Getaufte sind wir zudem gerufen, uns am Lebensbeispiel Jesu zu orientieren. Die Evangelien verschweigen nicht, dass dieser Weg schon für die Jünger nur schwer nachvollziehbar war, und er ist es durch die Kirchengeschichte hindurch bis heute. Jede und jeder hat Gaben, Fähigkeiten und Talente geschenkt bekommen. Sie sollen im angstfreien Zusammenwirken dem Aufbau von Gemeinde und Gemeinschaft dienen, aber nicht in leidenschaftlicher Eifersucht gegeneinander in Stellung gebracht werden. Jesu Beispiel ist Mahnung und Ermutigung zugleich, in der Kraft der „Weisheit von oben“ seinem Ruf ins Leben immer neu zu folgen. Nicht zu vergessen ist das neue Gebot Jesu – das Gebot der Liebe: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt“ (Jn. 13: 34f). Und Paulus fügt dazu: „Wenn ich meine ganze Habe verschenkte, und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, hätte aber die Liebe nicht, nütze es mir nichts“ (1 Kor. 13:1f).