Predigten

19. SONNTAG IM JAHRESKREIS A. DIE TRAUER DES PAULUS.

n   LUKE MBEFO, C.S.Sp.

“Ich bin voll Trauer, unablässig leidet mein Herz”, schreibt Paulus in der zweiten Lesung dieses Sonntags als er seine Gedanken über das Schicksal der ungläubigen Israeliten zum Ausdruck brachte. Er nannte sie Brüder, „die der Abstammung nach mit mir verbunden sind“. Nach seiner Berufung zu Christus hat der ehemalige Christenverfolger die jüdische Kultgemeinschaft verlassen, die meinte, sie könne allein durch die Erfüllung des Gesetzes gerecht werden. Doch seine jüdischen Brüder und Schwestern liebt er nach wie vor. Voller Hochachtung spricht er von ihnen. Sie sind Söhne und Töchter des Gottes, der ihnen sein Gesetz gegeben hat. Und vor allem: Aus ihrer Mitte stammt Jesus Christus. Kein Volk sei so gut auf das Heil Gottes vorbereitet worden wie die Israeliten. Warum dann haben sie Jesus von Nazareth als den Christus nicht akzeptieren können? Paulus verzweifelte an den tauben Ohren vieler seiner jüdischen Mitmenschen. Sich keinen Rat wissend klagte der Missionar: „ich bin voll Trauer, unablässig leidet mein Herz“.

Die gleiche Ratlosigkeit begleitet die Situation unserer Kirche von Heute. Man ist fast verunsichert, wenn man die Zeitungsberichte von der Kirchensituation liest. Neulich hat die deutsche Bischofskonferenz die Zahl der Kirchenaustritte veröffentlicht: es sind etwa 272,771, (zweihundertzweiundsiebzigtausend siebenhundertundsiebzig) mehr als 270,000 und es gab eine Zunahme von 56,000 (sechsundfünfzigtausend) im Vergleich zum Vorjahr. Nicht nur in Deutschland, sondern auch anderswo z.B. im Nachbarstaat Frankreich oder auch in Großbritannien geht die Anzahl der Kirchenbesucher zurück. Warum verlieren wir den Glauben, das Erbe unserer Vorfahren? 

Man könnte viele Gründe vorschlagen, zum Beispiel die Aufklärung, Sapere aude! Hab den Mut für dich zu entscheiden! So hat der Philosoph Kant diese Bewegung formuliert. Diese Bewegung verlangt Autonomie das heißt, Jeder soll für sich entscheiden. Das „Ich“ wurde im Zentrum des Lebens inthronisiert und wird fortan entscheidend. Es ist nicht mehr die Pflicht der Eltern ihren Kindern den Glauben weiterzugeben, heißt es. Früher kamen Eltern und Kinder gemeinsam zur Kirche. Heute wird diese Tradition nicht mehr gepflegt. Der deutsche Philosoph Hegel bezeichnete Luther als den ersten modernen Menschen, weil er gegen die Autorität Roms rebelliert hat. “Hier stehe ich. Ich kann nicht anders!“  Allmählich verliert Rom an seiner Autorität um über das Schicksal der Kirchengänger zu bestimmen. Jeder soll für sich entscheiden. In der Corona-Zeit ist der sonntägliche Kirchenbesuch nicht mehr verpflichtend. Ob es wieder Pflicht werden kann, nach der Corona-Zeit, ist im Moment fraglich.

Seinerzeit wurde eine Theologie um die „Arche Noah“ und um das „Schifflein Petri“ aufgebaut. Nur die Tiere in der Arche Noah wurden gerettet. Die Arche Noah und das Schifflein Petri sind als die Kirche Christi gedeutet worden. Also nur die Leute werden gerettet, die in der Kirche bleiben: Extra Ecclesiam nulla Salus oder auf Deutsch: Außerhalb der Kirche, kein Heil. Diese Theologie hat sich deutlich im Laufe der Zeit geändert. Karl Rahner zum Beispiel spricht vom“ Anonymen Christen“ und der Franzose Danielou spricht sogar von „Heiligen Heiden“. Es ist der Wille Gottes, dass alle Menschen gerettet werden, sagt Paulus.

 Die erste Lesung und das Evangelium sprechen von Gottesbegegnung. Elija am Horeb erlebte eine ungewöhnliche Gottesbegegnung. Gott ist nicht im Sturm, nicht im Feuer, nicht im Erdbeben, sondern in einem sanften, leisen Säuseln. Auf ungewöhnliche und unerwartete Gottesbegegnung darf auch jede/r von uns hoffen, auch die, die aus der Kirche ausgetreten sind. Solche Gottesbegegnungen können sehr überraschende Formen annehmen. Davon erzählt das Evangelium. Da ist zunächst Gefahr: Die Jünger sind dem Sturm ausgeliefert. Hinzu kommt Furcht, als sie meinen, ein Gespenst zu erblicken. Doch Jesus beruhigt die Jünger: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“ Darauf folgt bei Petrus Mut, vielleicht sogar Übermut. Er will Jesus auf dem Wasser entgegenlaufen, und zunächst geht es auch gut, doch dann verlässt ihn das Vertrauen und er versinkt, um von Jesus gerettet zu werden. Das ist eine Geschichte für unsere Zeit.

Wir können unser Leben mit einer Fahrt oder einer Reise vergleichen. Dieses Modell unseres Lebens hat Lukas entworfen als er in seinem Evangelium und die Apostelgeschichte die Verbreitung des Evangeliums von Jerusalem bis Rom aufzeigte. In manchen Lebensphasen geht alles ruhig und glatt; in anderen kann es unruhig um uns und auch in uns werden. Wir können uns bewusst werden, wie brüchig der Boden unter uns ist, manchmal verlieren wir sogar den Boden unter unseren Füßen. Es kann kritisch werden.

Unser Glaube bewahrt uns nicht davor, dass wir in Bedrängnis und Angst geraten. Petrus zeigt uns, auf wen wir dann blicken sollen und wessen Hand wir ergreifen sollen. Wie zu Petrus sagt er auch zu uns: „Komm!“. Folgen wir diesem Ruf, trägt er auch uns.