Predigten

ASCHERMITTWOCH: 2020.

n   LUKE MBEFO, C.S.Sp.


“Siehe, jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade. Siehe, jetzt ist er da, der Tag der Rettung“. So lautet das Thema am Aschermittwoch – Beginn der Fastenzeit. Was versteht man unter „Fastenzeit“? Es gibt eine Anekdote über zwei berühmte englische Schriftsteller der 30-iger Jahre. Der einer hieß Gilbert Keith Chesterton und er war Konvertit von der Anglikanischen Kirche. Als Laien-Theologe ist er ein engagierter Verteidiger des Glaubens geworden. Er hatte eine Statur wie ein Sakristei Schrank, das heißt er war fast so massiv wie ein Sumo-Ringer. Sein Zeitgenosse und Kollege war Georg Bernard Shaw, aber dieser war schmal und dünn wie ein Spargel. Die beiden haben sich auf der Straße getroffen, und der dicke Chesterton sprach zu dem Dünnen:   Von deiner Gestalt her könnte man meinen, dass es im Land Hungersnot gäbe! Und der dünne Shaw erwiderte schlagfertig: Und von deiner Figur her könnte man sagen, dass du die Hungersnot verursacht hast! Bei unserer kirchlichen „Fastenzeit“ aber geht es nicht nur um Essen und Trinken. Geht es nicht vielmehr in der vorösterlichen Bußzeit darum, sich geistlich zu ertüchtigen? Um die großen Themen, wie die Stärkung von Glauben, Liebe und Hoffnung? Natürlich, darum geht es. Aber das muss unterfüttert werden. Sonst schwebt das Geistliche im luftleeren Raum und ist nicht mehr greifbar. Vermutlich entschwebt es uns sogar, wenn es nicht in konkrete äußere Formen gegossen wird.

Thematisiert werden die drei wichtigsten jüdischen Frömmigkeitsübungen, die allesamt zu den „guten Werken“ in der Tradition jüdischer Spiritualität gehören: Almosengeben (Mt. 6:2-4), Beten (Mt 6:5-6) und Fasten (Mt 6:16-18). Wir können davon ausgehen, dass Jesus mit diesen Werken der Barmherzigkeit und Frömmigkeit gut vertraut war. Der verbindende Kritikpunkt, den Jesus bei allen dreien mahnend anführt, ist die Gefahr der frommen Selbstdarstellung. Wohltätigkeit, Gebet und Verzicht sollen nicht als fromme Übungen öffentlichkeitswirksam zur Schau gestellt werden und der Selbstbespiegelung dienen. Jesus wendet sich sicherlich nicht gegen das gemeinschaftliche Gebet und plädiert für eine Stille-Kämmerlein-Gebetspraxis. Doch Jesus kennt scheinbar nur zu gut die Neigung des Menschen, scheinheilig zu handeln und die große Versuchung, selbst Glaubensakte verzwecken zu wollen.

Papst Franziskus war früher einmal „Spiritual“ im Priesterseminar und es ist ja sein großes Anliegen, die Katholiken und besonders die kirchlichen Würdenträger vor Scheinheiligkeit zu warnen. Bei einem Kongress im April im letzten Jahr über Bibelpastorale hält der Papst eine Rede vor den versammelten Delegierten aus vielen Ländern. Er betont, dass die Worte der Bibel für die Kirche quasi eine „Spritze voll Leben“ sei. Die Bibel sei ein Impfstoff gegen Selbstbezogenheit und Selbsterhaltung… Die Heilige Schrift entreißt uns den Wunsch, uns selbst in den Mittelpunkt zu stellen; sie bewahrt uns vor Selbstgenügsamkeit und Triumphalismus und sie ruft uns beständig dazu auf, über uns selbst hinauszuwachsen“ (26. April 2019). Noch weiter warnt er Katholiken davor, ein Doppelleben zu führen und in ihrem Handeln dem Evangelium zu widersprechen. Alle, die von sich sagen, dass sie sehr katholisch sind, jedoch zugleich ein moralisch zweifelhaftes Leben führen, kritisiert er scharf – und lädt in seiner direkten, nicht unbedingt auf Diplomatie abzielenden Art zum Nachdenken ein: „Uns allen, jedem von uns, wird es guttun, heute darüber nachzudenken: Gibt es ein doppeltes Leben in uns, erscheinen wir gerecht, als gute Gläubige, gute Katholiken, machen aber hintenherum eine andere Sache? Gibt es ein doppeltes Leben, auch zu viel Vertrauen in uns nach dem Motto: Aber ja, der Herr wird mir dann schon alles vergeben, ich mache einmal weiter… sagt etwas in uns: ‚Ja, das ist nicht in Ordnung, ich werde mich bekehren, aber nicht heute, sondern morgen.‘ Denken wir darüber nach!“

Nun, liebe Gemeinde, denken wir darüber nach. Die Fastenzeit lädt uns dazu ein. Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade. Nutzen wir sie.